Ruth Matter - ein Leben der Hingabe an eine Aufgabe

Vereinigung zur Förderung der Begabungsforschung

Du kennst den Weg

Meine Erinnerungen an die Zeit mit Ruth Matter




Du kennst den Weg

Du kennst den Weg! Ein Satz, den mir Ruth Matter oft mitgab, wenn ich wieder einmal mit offenen Fragen aus der Stunde wegging. Sie ging spärlich um und sorgfältig mit ihren Worten. Genau so wie mit ihren Angeboten. Archaisch fast: einen Fuss in die Höhe ziehen. Die Hand auf dem Oberschenkel lasten, sie anheben und wieder sinken lassen. Und: Wieder - holen. Schlichtheit war Gebot. Auch im Fachvokabular: Last, Zug und Schwerkraft. Abklingenlassen von Affekt. Und Bereitwerden. Bereitwerden, einen Finger anzuheben. Nichts anderes, als eine Stunde lang bereit werden, einen Finger zwei Millimeter anzuheben und wieder sinken zu lassen. Und das Erlebnis, dass sich in diesen zwei Millimetern eine ganze Welt bewegte.

Beharrlich und konsequent ihr Vermitteln. Ab und zu ein Hinweis auf Pestalozzi, wenn ich die Gesichtsmaske aus Gips auf ihrem Klavier betrachtete. Die Totenmaske von Pestalozzi, ein Erbstück von Heinrich Jacoby.

Du kennst den Weg! Der Weg, das war für Ruth Matter «d’Arbet», und sie mochte nicht lange Erklärungen darüber abgeben. «D’Arbet vom Heinrich Jacoby». Diesen Satz – eine Liebeserklärung – verkörperte sie mit jedem Teil ihres Wesens. In der Würde ihrer Person, in ihrem wachen und aufrichtigen Interesse, in ihrer warmen Präsenz, mit denen sie an meinem Arbeiten teilnahm; mit der ihr eigenen beruhigenden Geduld, das noch nicht Stimmende stehen zu lassen als das im Moment Stimmende. Um gelegentlich beim Abschied mit einem längeren Händedruck als sonst und einem hellen gütigen Lächeln anzuzeigen, dass sich heute in der Stunde wohl etwas verändert habe.

Manchmal bat sie mich, Beifahrer zu sein, wenn sie samstags nach Kölliken fuhr. Allein wollte sie – weit über 80-jährig – nicht mehr Auto fahren. Am Steuer wich ihre sonst ruhige Gemächlichkeit und der Tacho stieg öfters über die offiziell erlaubte Höhe. Mit kindlicher Freude nahm sie eine Abkürzung, wenn ihr die Kolonne zu lang erschien und ihre Augen glänzten jung, wenn sie von ihrem ersten Mercedes-Cabriolet erzählte, dem einen von den damals zwei einzigen in der Schweiz. Es war mir später vergönnt, ihr Fahrer zu sein – leider nicht mehr im offenen Mercedes – auf Ausflügen zu einigen Lieblingsdestinationen von Heinrich Jacoby. Wohl etwas romantisch in der Erinnerung, aber spürbar eine schöne Zeit für Ruth Matter, wie sie im offenen Cabriolet die schmale kurvige Seestrasse am Vierwaldstättersee entlang fuhr, in einem gemütlichen Seerestaurant Heinrich Jacoby, wie er über sich oder über «d’Arbet» erzählte, lauschte, so wie ich jetzt ihr.


Hannes Zahner


(Auszug aus: Ruth Matter - ein Leben für «die Arbeit»)





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