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Die Schweizerische Vereinigung
zur Förderung der Begabungsforschung
Als Heinrich Jacoby1933 Deutschland verlassen musste, organisierte eine langjährige Kursteilnehmerin von Elsa Gindler und später von Heinrich Jacoby in Berlin, Margaret Locher (Sozialarbeiterin und Gymnastiklehrerin), zusammen mit drei anderen ehemaligen Kursteilnehmerinnen Jacobys ersten Ferienkurs in der Schweiz. Um dafür einen Rahmen zu haben, galt die Arbeitsgemeinschaft der Gymnastiklehrerinnen als Veranstalterin. Dieser Ferienkurs fand in Ermatingen am Bodensee statt. Darnach war Heinrich Jacoby für ein halbes Jahr in Genf. Dort hat er Willy Tappolet , Musiker und Professor der höheren Schulen in Genf und späterer Präsident der Stiftung kennengelernt. Dann ging er für ein halbes Jahr nach Palästina.
Im folgenden Jahr 1934 haben sich wiederum einige Schülerinnen Jacobys bemüht, Arbeitsgemeinschaften in den Sommerferien zu organisieren, und so kamen zwei Ferienkurse in Trogen zustanden.
In diesem gleichen Jahr 1934 begegnete Ruth Matter einer ihr bekannte Gymnastiklehrerin, welche über ihre Erfahrungen in den Kursen von Elsa Gindler sprach. Ruth Matter erzählte rückblickend in einem lnterwiew (mit Prof. Dr. Rudolf Weber in Zeitschrift für Musikpädagogik, Ausgabe vom 23.9.1983): «Was sie von diesen Kursen berichtete, interessierte mich. Als ich einige Zeit später erfuhr, dass Elsa Gindler einen Ferienkurs in der Schweiz geben würde, meldete ich mich zur Teilnahme. Etwas darnach hörte ich, dass sie diesen Kurs gemeinsam mit einem Mann Heinrich Jacoby geben würde. Ich sagte, ich möchte nur zu Elsa Gindler, nicht zu diesem Mann. Das war nicht möglich. Der Kurs fand in Trogen statt. Heinrich Jacoby unterrichtete in einem kleinen ländlichen Schulhaus. Wir waren 40 Teilnehmer, die meisten Deutsche...»
Das war der Wendepunkt in ihrem Leben und der Beginn einer lebenslangen Auseinandersetzung mit der Forschungsarbeit von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby.
1935 wurde die «Schweizerische Vereinigung zur Förderung der Begabungsforschung» gegründet mit Sitz in Zürich. Als Zweck der Vereinigung war aufgeführt: «Förderung von Forschungsarbeiten und Untersuchungen, die mit den biologischen, psychologischen und soziologischen Grundlagen von Ausdrucksfähigkeit und Begabung, sowie deren Entwicklungsmöglichkeiten zusammenhängen; ferner die Entwicklung und Förderung von praktischen Arbeitsmethoden für die pädagogische Auswertung der Forschungsergebnisse.»
Die Vereinigung setzte sich folgendermassen zusammen:
Dr. Willy Tappolet, Professor der höheren Schulen Genf, Präsident; Dr. Ernst Graf, Arzt, Zürich, Vizepräsident; Martha Tappolet, Pianistin, Genf; Margaret Locher, Fürsorgerin und Lehrerin, Zürich; Ruth Matter, Zürich; Edith Matter, Kölliken; Max A. Matter, Kaufmann, Paris; Dr. Edward Honegger, Rechtsanwalt, Zürich; Berta Graf, Zürich; Otto Moser, kaufm. Angestellter, Zürich; Elli Schatzmann, Bezirksschullehrerin, Kölliken; Hedwig Staub, Lehrerin, Däniken (ZH); Dr. Clara Zollikofer, Professorin an der Universität Zürich.
Ueberzeugt von der grundlegenden Bedeutung der Forschungsergebnisse Heinrich Jacobys für das Zustandekommen produktiver Leistungen auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit lag der Vereinigung daran, nichts zu unterlassen, was ermöglichte, mit Jacoby weiter zu arbeiten. Dabei war erste Bedingung, dass versucht wurde, alles daran zu setzen, damit Jacoby seine Forscher- und Lehrtätigkeit möglichst ungestört und reibungslos ausüben konnte. Dazu gehörte auch der Verkehr mit den zuständigen Behörden und die Aufgabe, Mittel zu finden, um den Ausbau seines Laboratoriums zu ermöglichen, unter anderem durch Beschaffung von Projektions- und Aufnahmeapparaten.
Eine umfangreiche Arbeit war die photographische Reproduktion von Zeichnungen (Hell-Dunkelversuchen), die sehr übersichtlich und eindrucksvoll Entwicklungen von Menschen durch die Arbeit aufzeigen. Sie dienten u.a. dazu, die schweizerischen Behörden von der Wirksamkeit seiner Methoden zu überzeugen. Der Verkehr mit den Behörden war ein langer und mühsamer Prozess. 1934/35 hatte man in der Schweiz noch keine Angst vor dem Dritten Reich. Dann aber wuchsen die Schwierigkeiten, die Verfügungen von Bern wurden schärfer, die Massnahmen rigoroser. Der damalige Regierungsrat Briner gab Prof. H. Hanselmann (Dozent für Heilpädagogik in Zürich) die Zusicherung, dass, wenn er in einem Kurs von Jacoby mitmache und anschliessend ein Gutachten verfassen würde, er (Briner) die Niederlassung geben könne. Dazu kam es aber trotz Gutachtens nicht. Vor 1939 noch kam die Ablehnung durch die Stadt Zürich. Das Gutachten von Prof. Hanselmann bewirkte jedoch, dass der Kanton Zürich eine Verlängerung bis1940 bewilligte, mit der Bestimmung, dass Jacoby seine Ausreise betreiben müsse. 1941 wurde die Auswanderung unmöglich; im Januar1941 wurde er als Emigrant akzeptiert und bekam eine Toleranzbewilligung aus Bern.
Zusätzlich zu den Bemühungen der Vereinigung in Sachen Fremdenpolizei und Bundesbehörden hat das Gutachten vom 25.6.1938 von Prof. H. Hanselmann wesentlich dazu beigetragen, die Aufenthaltsgenehmigung von Jacoby zu verlängern. Hier der Wortlaut des Gutachtens: «...Herr Heinrich Jacoby arbeitet seit Jahren auf dem Gebiete der Begabungsforschung. Ich habe mich durch persönliche Besuche und Aussprachen davon überzeugt, dass die Fragestellungen wie die Versuche, deren Beantwortung zu finden oder doch zu fördern, von streng wissenschaftlicher Haltung sind. Herr Jacoby geht durchaus eigene und neue Wege zur psychologischen Erfassung kindlicher und erwachsener Persönlichkeiten, und ich bestätige, dass ich mich durch persönliche Einsichtnahme davon überzeugt habe, dass aus seinen Forschungen und Untersuchungen für die allgemeine und insbesondere auch für die Heilpädagogik bedeutsame Ergebnisse zu erwarten sind. Ich würde es im Interesse unserer leider bisher aus verschiedenen persönlichen und sachlichen Gründen wenig erfolgreichen schweizerischen Versuche auf dem Gebiete der Begabungsforschung ausserordentlich bedauern, wenn Herrn Jacoby die Möglichkeit genommen würde, hier in der Schweiz weiter zu arbeiten. Wenn irgendwo, so tut uns auf diesem Gebiet, das bei uns leider bisher nicht über die engen Grenzen der Psychotechnik hinaus gediehen ist, wissenschaftlich ernst zu nehmende Anregung not, und ich glaube auf Grund von Sachkenntnis behaupten zu dürfen, dass Herr Jacoby durch seine Tätigkeit niemandem in der Schweiz Arbeit wegnimmt oder schmälert, vielmehr wird durch seine in stillem und bescheidenem Rahmen gedachte Tätigkeit viel Belebung nach und nach zu erwarten sein... Ich würde mich persönlich aufrichtig freuen, bei Herrn Jacoby im Sinne der Kenntnisnahme einer neuen Methodik in der Erfassung entwicklungsgehemmter Kinder selbst im kommenden Winter viel lernen zu dürfen.»
Heinrich Jacoby bekam also jeweils von Oktober bis Ende Juni (9 Monate) eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Dann musste er 3 Monate ausreisen, um wieder neu einzureisen dadurch wurde ihm das Recht auf Niederlassung genommen. Die Arbeitbewilligung war streng beschränkt auf Kurse im Rahmen der Vereinigung; weder Vorträge noch Publikationen ausserhalb dieser waren ihm gestattet. In der Arbeitsbewilligung stand jeweils: «Unterricht bewilligt im Rahmen der Vereinigung und Vorbereitung zur Ausreise».
Ohne die Vereinigung und das heisst, ohne den Einsatz im besonderen der Vorstandsmitglieder, hätte Jacoby in Zürich nicht leben und arbeiten können. Dahinter stand die grosszügige finanzielle Unterstützung seitens von Ruth Matter und ihrer Familie. Ihr Vater, Paul Matter-Bally, nützte seine gesellschaftliche Position und gab zu Handen der Fremdenpolizei die Erklärung ab, er sei jederzeit bereit, wenn es nötig würde, die Sicherung der ökonomischen Existenz von Heinrich Jacoby, dem langjährigen Lehrer und Freund seiner Kinder, zu übernehmen (Erklärung vom 27.5.1940). Ruth Matter half überall, wo es nötig war. Sie übernahm den Grossteil der Sekretariatsarbeiten, half bei den Kursvorbereitungen, sorgte für die Unterbringung der Kursteilnehmer, so dass Jacoby sich ganz seiner Arbeit widmen konnte.
Mit Kriegsende wurde das Problem seines Verbleibens in der Schweiz akut. Nach der damaligen gültigen fremdenpolizeilichen Regelung hätte Jacoby die Schweiz verlassen müssen, sobald die Grenzen aufgegangen waren, denn offiziell hätte er nun nicht mehr staatenlos zu sein brauchen. Es hing von ihm ab, ob er wieder Deutscher werden wollte.
Auch hier setzte sich die Vereinigung dafür ein, dass die10 Jahre dauernde Ungewissheit über die Möglichkeit seines Verbleibens in der Schweiz ein Ende habe, sodass er seine Arbeit wieder auf weite Sicht planen und aufbauen könnte. Dazu schreibt Frau Prof. Dr. C. Zollikofer (Vorstandsmitglied) in einem Schreiben: «...die besondere Art der Förderung seiner Forschungsarbeit, die unsere Vereinigung sich gestellt hat, verpflichtet uns nicht nur, dafür zu sorgen, dass Heinrich Jacoby die Schweiz jetzt nicht zu verlassen braucht, sondern dass er endlich auch eine definitive Aufenthalts- und Arbeitsbedingung erhält.» Die Vereinigung versuchte alles, um Jacoby aus dem Emigrantenstatus herauszubekommen. Dank guter Beziehungen zu einflusssreichen Persönlichkeiten bis hin zum Bundesrat bekam man schliesslich aus Bern den Bescheid, dass der Fall Jacoby jetzt so liege, dass eine langfristige Aufenthaltsbewilligung oder gar die Niederlassung in Frage käme.
Im Jahre 1955 erhielt Heinrich Jacoby das Schweizer Bürgerrecht.
Ruth und Edith Matter hatten in all den Jahren soweit es die schwierigen Zeiten erlaubten ebenfalls Elsa Gindler unterstützt: mit vielen Paketen und auch finanziell. Nach 1945 ermöglichten sie ihr Erholungsurlaube in der Schweiz und halfen auch Sophie Ludwig.
Die Wohnung von Heinrich Jacoby an der Breitingerstrasse in Zürich-Enge war mit den Jahren zu eng geworden, auch nahm der Verkehrslärm massiv zu, und als sich 1961 eine Villa an der Toblerstrasse anbot sie gehörte einer langjährigen Kursteilnehmerin mietete Ruth Matter dieses Haus und liess darin eine Etage für Heinrich Jacoby umbauen. Sie selbst bewohnte die restlichen Räume.
Jacoby genoss noch sehr die schöne Lage, die Möglichkeit der Spaziergänge auf dem nahen Zürichberg und natürlich die besseren Raumverhältnisse. Aus zwei Räumen enstand ein schöner Kursraum, wo auch alle seine Apparate und der Flügel aufgestellt werden konnten.
Nach Jacobys Tod November 1964 arbeitete Ruth Matter zusammen mit Sophie Ludwig an seinem Nachlass, vor allem an der Ueberarbeitung und Kürzung von Gesprächsprotokollen eines im Jahre 1945 aufgenommenen Jahreskurses. Dies war der erste auf Magnetophonband aufgenommene Kurs und wurde nach Kursende von Heinrich Jacoby persönlich aufgeschrieben und redigiert.
Die überarbeitete Fassung erschien dann 1980 als erste postume Veröffentlichung unter dem Titel: «Jenseits von 'Begabt' und 'Unbegabt', Zweckmässige Fragestellung und zweckmässiges Verhalten Schlüssel für die Entfaltung des Menschen» (Christians Verlag, Hamburg).
Die «Vereinigung» wurde bald nach dem Tode Jacobys aufgelöst, ein Umstand, den Ruth Matter mit den Jahren bedauerte.
Dr. phil. Jeanine Buol Hug
(Auszug aus: Ruth Matter - ein Leben für «die Arbeit»)
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