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Meine Erinnerungen an die Zeit mit Ruth Matter
Als ich 1987 mit Ruth Matter zu arbeiten begann, stand ich vor einem Neuanfang. Wir waren gerade von der Stadt aufs Land gezogen und ich hatte begonnen, für die Lungenliga und die Krebsliga zu arbeiten. An beiden Orten war ich als Atemtherapeutin angestellt worden. Nachdem ich aber drei Jahre lang die Sommerkurse in Sensory Awareness bei Charlotte Selver besucht und die Gindler/Jacoby Arbeit auch bei Ruth Veselko kennen gelernt hatte, wollte ich nicht mehr so arbeiten, wie ich es gelernt hatte. Ich hatte aber noch nicht genug Erfahrung, um das Neue umzusetzen. Ich litt ständig unter Kopfschmerzen, bedingt durch meine Halswirbelsäulenarthrose, aber sicher auch durch den Druck, unter dem ich stand. So erhoffte ich von den Stunden bei Ruth Matter einerseits Linderung meiner Kopfschmerzen und anderseits Unterstützung in meinen neuen Aufgaben.
Den ersten Eindruck von Ruth Matter, nachdem sie mir die Türe geöffnet hatte, waren ihre blauen Augen, die sie auf mir ruhen liess, während wir uns begrüssten.Dann sassen wir uns im Wohnzimmer gegenüber.Es war eine Weile still. Ruth Matter schien mir sehr reserviert und doch hatte ich auch ein Gefühl von Vertrautsein, das mich tief berührte. Ich wusste, dass Heinrich Jacoby seine letzten Jahre in diesem Haus verbracht hatte, und ich hatte den Eindruck, dass sein Geist hier noch gehütet wurde. Wir haben das erste Mal nur gesprochen. Worüber weiss ich allerdings nicht mehr. Ich war zu beeindruckt von der Atmosphäre, die von ihr und dem Haus aus ging.
Der erste Versuch bestand darin, die Unterschenkel auf den Hocker zu legen, dann ein Knie Richtung Rumpf zu ziehen und den Unterschenkel wieder zurück auf den Stuhl kommen zu lassen. Im Gegensatz zu Charlotte Selver sprach Ruth Matter wenig. Es war die Ruhe, die sie ausströmte, die mich immer wieder zu mir kommen liess.
Ich ging ein Mal wöchentlich zu ihr. Nachdem die ersten 12 Treffen von der Krankenkasse übernommen worden waren, sagte sie, von jetzt an müsse ich die Stunden selber bezahlen, wenn ich weiter zu ihr kommen wolle. Meine Kopfschmerzen waren unterdessen in den Hintergrund getreten, aber in dem Prozess der Umorientierung, in dem ich mich befand, hätte ich mir die Woche nicht mehr ohne diese Stunde vorstellen können. Die konkreten Hinweise, die ich mir für meine neuen Aufgaben erhofft hatte, erhielt ich allerdings nicht. Ihre Unterstützung geschah auf ganz andere Weise und wirkte sich nach und nach auch auf meine Arbeit aus.
Für die Krebsliga zu arbeiten, war weniger schwierig. Hier suchten die PatientInnen vor allem die Ruhe und Entspannung und waren im allgemeinen empfänglich für die Versuche der Gindler/Jacoby Arbeit. Ich erhielt von der Krebsliga auch bald die Genehmigung meine Lektionen von 60 auf 75 Minuten zu verlängern. Dies ermöglicht den KursteilnehmerInnen eher, zu eigenen Erfahrungen zu kommen, die sie dann auch im Alltag umsetzen können. Ich erinnere mich an eine Patientin, deren Mann nach der ersten Stunde spürte, dass sich bei seiner Frau etwas verändert hatte und der daraufhin in meine private Gruppe kam. Eine andere Patientin erzählte mir, wie der Krankenschwester im Spital bei einem Test aufgefallen war, wie «gut» sie atmete und das, ohne dass wir spezielle «Atemübungen» gemacht hatten.
Die Asthmagruppen waren grösser, und wir hatten nur 50 Minuten pro Lektion zur Verfügung. Viele der PatientInnen waren schon in Sanatorien gewesen, wo sie «Atemtechnik» gelernt hatten, und oft erzählten sie mir fast stolz, wie sie nach den Stunden jeweils ganz erledigt gewesen seien und Muskelkater gehabt hätten. Ich versuchte ihnen dann zu erklären, dass das nicht mein Ziel sei und dass ich hoffe, dass sie sich in meinen Stunden erholen und lernen, sich so zu verhalten, dass sie keinen Muskelkater bekommen. «Geben Sie es auf», sagte Ruth Matter, «das ist zu schwierig». Die Lungenliga liess mich aber nicht gehen und so versuchte ich es weiter.
Wie gesagt, bekam ich von Ruth Matter keine konkreten Ratschläge, was die Arbeit mit Krebskranken und Asthmatikern betraf. Sie redete auch nicht viel in den Stunden und doch zog es mich jede Woche dorthin. Im Nachhinein denke ich, es war eine grosse Chance für mich, dass mir Ruth Matter die Möglichkeit bot, wöchentlich eine Stunde in der es nicht viel Abwechslung gab, wirklich p r o b i e r e n zu können und tiefer und tiefer zu e i g e n e n Erfahrungen zu kommen. So erlebte ich nach und nach, wie sich die Beziehung zum Boden und zu den Zügen der Schwerkraft unter anderem auch auf die Atmung auswirkt, und ich lernte mehr und mehr der e i g e n e n Wahrnehmung zu vertrauen. Es war dann allerdings in der alltäglichen Praxis nicht leicht, die richtigen Fragen zu finden und sie im richtigen Moment zu stellen, damit die PatientInnen dann a u c h s e l b e r diese Zusammenhänge erfahren konnten. Dass es mir manchmal gelungen ist, merkte ich, als ich die KursteilnehmerInnen einmal in der Garderobe zu einander sagen hörte: «Die sieht alles die sieht sogar mit dem Rücken...»
Es gab Fragen, die Ruth Matter mir während der Stunden immer und immer wieder stellte, deren Tragweite ich aber erst nach und nach erfasste und die mich heute noch begleiten. «Und die Augen ... ?», fragte sie immer und immer wieder während eines Versuchs oder auch, wenn ich sprach.
«Könnten Sie auch das innerlich Hinschauen aufgeben?» Bei Ruth Matter wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass man auch innerlich hinschauen kann. «Spüren Sie schon etwas vom Geschehen im Bauch?» oder «Wird das Ende der Ausatmung schon spürbar?». Sie liess mir viel Zeit zu erfahren, wie das alles mit dem Bereitwerden für eine Bewegung zusammenhängt. Von ihr lernte ich auch, dass der Zustand von Bauch und Augen ein Barometer für unseren Gesamtzustand ist. Sie hatte eine unendliche Geduld und sagte auch immer wieder, wie lange sie selber gebraucht hatte, um etwas davon zu spüren.
Besonders schön fand ich es, wenn Ruth Matter mir aus ihrem eigenen Leben erzählte, und wie es durch die Begegnung mit Heinrich Jacoby und Elsa Gindler beeinflusst worden war und wenn wir gemeinsam Fotos von damals anschauten.
Während der Zeit, in der ich mit Ruth Matter arbeitete, besuchte ich jeweils im Sommer auch die Kurse von Charlotte Selver, wenn sie in Europa war. Nach dem Tod von Charles Brooks, ihrem Mann, begleitete ich sie während ihren Schweizer Kursen. Die Begegnung dieser beiden, für mein Leben so wichtigen Frauen, ist mir unvergesslich.
Ich war bei Ruth Matter in unregelmässigen Abständen bis zu ihrem Tod. Nachdem sie an die Herzogstrasse gezogen war, stand auch ich wieder vor einer Wende in meinem Leben, diesmal im privaten Bereich. Zu jener Zeit tranken wir auch oft einfach Tee zusammen, und die Art und Weise ihres Daseins für mich und meine Probleme, liess mich jedes Mal geordneter und zuversichtlicher das Haus verlassen.
«Nicht hinschauen, nichts wollen, da sein, reagieren», sagte sie einmal... und so habe ich sie erlebt. Ich denke in grosser Dankbarkeit an die gemeinsamen Jahre mit Ruth Matter zurück.
Marianne Ehrat
(Auszug aus: Ruth Matter - ein Leben für «die Arbeit»)
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