Pädagogik – Jenseits von begabt und unbegabt
Der pädagogische Ansatz Heinrich Jacobys


«Wer mit einer Aufgabe wirklich verbunden ist, hat als ganzer Mensch zu ihr Beziehung, und bei dem gibt es weder jene grosse Kluft zwischen Wissen und Sein, noch jene Kluft zwischen Berufsverhalten und Alltagsverhalten, zwischen Berufsleben und Privatleben.» Heinrich Jacoby



Ursprung Musik

Heinrich Jacoby war ursprünglich Musiker. Als Pianist gab er Improvisations-Konzerte. In seiner Erfahrung als Musiklehrer wie auch in der Lehrerfortbildung erkannte er, dass qualifiziertes bzw. begabtes Musizieren vorgängig eine Frage der Verhaltensqualität war und nicht eine Frage der Anlage (Vererbung). Er erlebte in seiner Tätigkeit, dass auch sogenannt unbegabte Schülerinnen und Schüler bei zweckmässigem Unterricht durchaus zu beachtlichen Leistungen fähig wurden. Diese Erkenntnis ermutigte ihn, sie auch auf andere Gebiete des Leistens und Lernens zu übertragen. Er formulierte daraus ein allgemeines pädagogisches Prinzip. Jenes, dass sogenannt unbegabtes Verhalten durch Nachentfaltung gewandelt werden kann, dass jeder Mensch bei genügender Neugierde durch zweckmässige Aufgaben sein Verhalten ändern bzw. seine Leistung optimieren kann.

Entfaltung

Heinrich Jacoby wird dem weiteren Umfeld der Reformpädagogik zugerechnet. Er war Entfaltungspädagoge in einem umfassenden Sinn. Seine pädagogische Intention zielt auf die Entfaltung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, jedoch erst in zweiter Linie. Sie beschäftigt sich vorgängig mit den Erwachsenen. Nur entfaltete Erzieher wirken sich günstig auf Kinder und Jugendliche aus. («Ändern müssten sich Mentalität und Verhalten der lehrenden Erwachsenen, die Einstellung zu den Möglichkeiten des jungen Menschen.»).

Jacoby ging davon aus, dass sogenannt begabtes Verhalten nicht primär ererbt, sondern hauptsächlich anerlernt ist. Er erkannte im Laufe seiner Praxis, dass die meisten Erwachsenen ihre Möglichkeiten nur sehr ungenügend nutzen, dies auf Grund von Störungen und Blockaden, die entstanden sind durch Umgebungseinflüsse, ungünstige Erziehung, ungünstige Unterrichtsformen, nachteilige Wirkungen aus dem gesellschaftlichen Umfeld. (Vom Affekt bestimmte Verhaltensweisen sowie traditionelle Art und Form der Aufgabenstellung). Wo den an sich gesunden und notwendigen Widerständen nicht zweckmässig begegnet werden kann, bleibt die Entfaltung und Entwicklung nachhaltig gestört.

Nachentfaltung

Hier setzt Jacobys Konzept der Nachentfaltung ein. Diese beinhaltet ein Selbsterfahrungs- und Bewusstwerdensprozess, in dem eigene unzweckmässige und störende Verhaltensweisen erkannt und verändert werden können.

Jacoby sagt den einzelnen «Schülern» nicht, was es zu revidieren bzw. zu verändern gilt. Er zeigt lediglich auf, wie sie stolpern lernen, d.h. wie sie unproduktives, routiniertes oder unzweckmässiges Verhalten bei sich selbst entdecken können. Stolpern ist der erste Schritt zur Veränderung des Verhaltens. Die Hilfestellung Jacobys besteht vor allem darin, den Menschen zu einem unverstellten und unroutinierten Kontakt mit seiner Umgebung zu verhelfen.

Es geht darum, sein eigenes Verhalten bewusster zu erfahren mit der Bereitschaft, es zu ändern. Dies gilt auch für die Verfassung, welche dem jeweiligen Verhalten zugrunde liegt. Das Unzweckmässige, das noch nicht Stimmende ist jedoch so lange das Richtige, bis es sich als unzulänglich erweist. Hier zeigt sich eine Parallele zu Beissers «Paradoxen Theorie der Veränderung».

Das Ziel solchen Vorgehens ist eine Mobilisierung, eine Ermutigung zu Entdeckungsreisen. Die Folge ist ein Erwerb von Fähigkeiten, an die man zuvor nicht glaubte. Sogenannt unbegabtes Verhalten wird sich wandeln. Weitreichende Änderungen sind möglich, eine Reifung und Entwicklung findet statt, verbunden mit einem erfüllteren Dasein.

Jacobys Praxis zur Nachentfaltung waren seine Kurse. Diese beinhalteten keinen Lehrgang, sondern er versuchte, das Interesse zu wecken, sich zu mobilisieren für eine bewusstere Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten. Seine Angebote bezweckten, dass die Qualität der eigenen Verfassung (Zustand, Befindlichkeit) wahrgenommen wurde. Unzweckmässiges Verhalten lässt sich durch zweckmässiges Experimentieren verändern. Diesen Prozess kann man als Tripel von Routine-Stolpern-Probieren kennzeichnen.

Erziehung der Erzieher

Wesentlich ist, dass Jacoby diesen Prozess nicht als eine Form vom Selbstverwirklichung verstand. Sein eigentliches Anliegen war die Erziehung der Erzieher. D.h. Menschen, die sich dank ihrer eigenen Nachentfaltung weniger verstörend auf die Kinder auswirken, so dass sich diese ungestörter und kreativer entwickeln können. («Zum Erzieherberuf, zum PflegerInnenberuf, aber auch zum Arztberuf sollte ein Mensch nicht zugelassen werden, bevor er eine Ahnung von der Tragweite der Wirkung seines Zustandes und Verhaltens auf andere hat».)

Empfinden für das Stimmende

Zum Erkennen des Unterschiedes von zweckmässigem und unzweckmässigem Verhalten prägt Jacoby den Begriff «Empfinden für das Stimmende». Er bezeichnet damit eine in jedem Menschen innewohnende latent ordnende Tendenz des Organismus. Das Empfinden für das Stimmende gibt dem Menschen in der Handlungssituation die nötigen Impulse zur Entscheidung. Dieser Begriff weist eine nahe Verwandtschaft auf zur gestalttherapeutischen «organismischen Selbstregulation». Eng verknüpft ist das Empfinden für das Stimmende mit der Fähigkeit, still zu werden, bereit zu werden, nicht nach aussen gerichtet zu sein, Affekte abklingen zu lassen. Erst dadurch ist der Organismus in der Lage, dieses Empfinden wahrzunehmen, ihm Raum zu geben.

Einstellwirkung

Wesentlich für das Erbringen einer Leistung ist nach Jacoby die sogenannte Einstellwirkung. D.h. jener Einfluss, der von der Seite der Aufgabe her sich auf den Zustand und die Bewegungsbereitschaft des Menschen auswirkt. (Ding, was willst du von mir?) Eine qualifizierte Leistung wird nur erreicht, wenn wir in Kontakt mit dieser Einstellwirkung treten können (empathisches Verhalten), und nicht eine Leistung auf Vorrat «machen», ohne Beziehung zur Aufgabe, nur das Resultat vor Auge.

Sich erarbeiten

Jacobys Pädagogik ist nicht eine, die normierte Ziele vorgibt. Sie geht davon aus, dass ein (unverstörtes) Kind genügend neugierig ist auf seinen ihm adäquaten Lern- und Entwicklungsprozess. Es will ent-decken. Jacobys Pädagogik versucht, dieser Neugier gerecht zu werden und das Kind in dem ihm gemässen Prozess (sei es in Tempo oder Inhalt) zu begleiten und zu unterstützen, ihm dazu genügend Mittel, Anreize und vor allem auch Präsenz (Dasein) zur Verfügung zu stellen. Das Sich-Selber-Erarbeiten ist ein zentraler Inhalt der Jacobyschen Pädagogik. Sich etwas selber erarbeiten heisst, tastend probieren, erwägen, verwerfen und neu erwägen.

Anregungen, Experimente

Jacoby gibt – um sich des eigenen Zustandes und Verhaltens bewusst zu werden – Anregungen zum Experimentieren (Probieren), dies zunächst in Form von Modellversuchen. Beispiele solcher Versuche sind, um nur einige zu nennen:

  • Alltägliche Bewegungsabläufe wie Aufstehen vom Stuhl (Wahrnehmen von Last, Zug und Schwerkraft)
  • «Empfangendes» Hören («auftauchen lassen» statt «nachdenken» oder «grübeln»)
  • «Absichtsloses» Sehen (statt analysierendes «glotzen»)
  • «Sich hören» beim Sprechen

Derartige Versuche lassen sich in den Alltag einbinden. Jacobys Pädagogik bewegt sich nicht im Elfenbeinturm, sondern der praktische Alltag ist ihre Bühne.

Forderungen für die Praxis

Wenn Leistungen jenseits von «begabt» und «unbegabt» erbracht werden sollen, so ergeben sich für Jacoby zwei Forderungen für die Praxis:

Zweckmässiges Verhalten fördern

Affekte abklingen lassen
Nicht Machen-Wollen
Kontaktbereit, empfangsbereit werden (antenniges Verhalten)

Aufbau von zweckmässigen Fragestellungen und Aufgaben

Fragen und Aufgaben so stellen, dass sie es ermöglichen, in Kontakt zu bleiben mit der funktionellen Organisation des «Instrumentes» Mensch
Vom momentanen Interesse und der Neugier des Menschen ausgehen
Sich von der Aufgabe einstellen lassen


kursiv gedruckter Text = Originalvokabular Jacoby bzw. Zitate


Juni 2001
arbeitskreis jacoby/gindler
Walter Biedermann / Hannes Zahner





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